Auf Einladung der Union Stiftung sprach Bundesminister a. D. Peter Altmaier am 25. März 2026 über die Frage, wie Otto von Bismarck heute handelte. Im Mittelpunkt standen die großen politischen Herausforderungen unserer Zeit – von Außenpolitik und Sicherheitsfragen über den Sozialstaat bis hin zur Digitalisierung und zur Handlungsfähigkeit des Staates.
Zu Beginn begrüßte Michael Scholl, Geschäftsführer der Union Stiftung, die Gäste im Haus der Union Stiftung. Er verwies auf die aktuellen Herausforderungen für Deutschland und Europa und erläuterte, warum die Union Stiftung den Abend unter die Leitfrage gestellt hatte, was ein Staatsmann wie Bismarck heute täte. Scholl begrüßte außerdem zahlreiche Gäste aus Politik, Gesellschaft, Verbänden und Institutionen, darunter den Generalkonsul der Französischen Republik. Sein Dank galt auch der Konrad-Adenauer-Stiftung, die die Veranstaltung als Kooperationspartner begleitete. Die Moderation des Abends übernahm Michael Schley.
In seinem Vortrag zeichnete Peter Altmaier ein bewusst differenziertes Bild Bismarcks. Zu Beginn sagte er über seine frühe Beschäftigung mit dem Reichskanzler: „Da habe ich festgestellt: Der Otto von Bismarck gestern, das ist ein Mann von heute.“ Altmaier stellte Bismarck als strategisch denkenden, modernen Politiker dar, verschwieg dabei aber weder dessen politische Härte noch dessen menschliche Schwächen.
So machte Altmaier deutlich, dass Bismarck keine Figur für einfache Verklärung sei, aber nicht zu Unrecht in hohem Ansehen stand. Er beschrieb den Reichskanzler als machtbewusst, ehrgeizig und widersprüchlich. Altmaier erklärte ferner: „Otto von Bismarck ist eine bis heute herausragende Persönlichkeit. Im Guten wie im Schlechten.“
Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Außenpolitik. Altmaier schilderte Bismarck als einen Politiker, der nach den Einigungskriegen auf Stabilität und Bündnispolitik setzte. Dabei verwies er auf eine Grundhaltung, aus der sich auch Lehren für die Gegenwart ziehen ließen. Mit Blick auf heutige Krisen sagte Altmaier: „Wenn wir angegriffen werden, wenn unsere Freiheit bedroht ist, wenn unsere Verbündeten bedroht sind, dann müssen wir imstande sein, mit adäquaten Mitteln zu antworten.“ Zugleich betonte er die Notwendigkeit von Stärke und Abschreckung mit dem Satz: „Sympathie ist gut, aber wenn man gefürchtet wird, ist es letzten Endes auch nicht ganz schlecht.“
Zudem war die Sozialpolitik von hoher Relevanz. Altmaier erinnerte daran, dass Bismarck mit der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung Grundlagen geschaffen habe, die bis heute fortwirkten. Politik, so seine Botschaft, müsse sich an praktischen Lösungen orientieren und dürfe sich nicht in bloßen Ankündigungen erschöpfen.
Daneben hob Altmaier hervor, wie gründlich Bismarck Politik als Handwerk verstanden habe. Wer politische Verantwortung trage, müsse die Materie kennen, Prioritäten setzen und langfristig denken. Auch darin liege, so Altmaier, eine wichtige Lehre für die Gegenwart.
In der anschließenden Diskussion wurden unter anderem die deutsch-französische Zusammenarbeit, die europäische Verteidigungspolitik, die wirtschaftliche Lage sowie die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme thematisiert. Altmaier warb dabei immer wieder für mehr Pragmatismus und strategisches Denken. Mit Blick auf das deutsch-französische Verhältnis formulierte er klar: „Das ist das Beste, was uns in unserer Geschichte jemals passiert ist.“
Der Abend im Haus der Union Stiftung zeigte, wie gewinnbringend es sein kann, aktuelle Fragen mit historischem Tiefgang zu verbinden – wie es bereits im 19. Jahrhundert geschehen war, als Gegenwartspolitik immer auch vor einem historischen Hintergrund wahrgenommen wurde. Peter Altmaier gelang es, Otto von Bismarck weder als Helden noch als Schreckbild zu zeichnen, sondern als widersprüchliche Gestalt der deutschen Geschichte, an der sich bis heute grundlegende Fragen politischen Handelns ablesen lassen.
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